History

     

My History

Rock Will Never Die

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Wir schreiben das Jahr 1965. Die aufgerollte Leinwand des Kinos an der Sarstedter Maiwiese gibt den Blick frei auf eine Showbühne, auf der sieben Gruppen Beat-Musik spielen (ja, so hieß das damals). Ein kleiner Junge im zarten Alter von 11 Jahren steht zusammen mit seinem Schulkameraden Michael Schenker (damals 10) inmitten einer großen Zuschauermenge, ihre Eltern sind natürlich dabei. Der 11-jährige Junge war ich.

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Es ist spät geworden: Gegen Mitternacht tritt die letzte Band des Abends auf. Fünf schlacksige junge Kerle um die 16, 17 Jahre, eine Schülerband, die kurz zuvor gegründet worden war. Die Zeit bis zu ihrem ersten Auftritt war so knapp, dass nicht einmal ein passender Bandname gefunden werden konnte. Also nannten sie sich für diesen Abend „The Nameless“. Gründungsmitglieder: Rudolf Schenker und Joachim Kirchhoff, unsere „großen“ Brüder, „Shakin' All Over“ eines der Stücke, die die Nachwuchsband an diesem Abend zum Besten gab.

 

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Die beiden 10- und 11-jährigen Knirpse waren stolz, mächtig stolz: Unsere Brüder live auf der Bühne vor all' den Leuten, wow. Wir wurden angesteckt vom Virus „Musik“. Irgendwie mussten wir damals unseren großen Brüdern nacheifern. Als „The Little Roadrunners“ zupften wir erstmals die Saiten unserer Wandergitarren. Es blieb bei diesem Freizeitspaß und ebbte bei mir schnell wieder ab.

Zeitgleich fanden die „Namenlosen“ ihren endgültigen Bandnamen. Rudolf Schenker, der schon damals die Vision hatte, als erfolgreicher Musiker um die Welt zu reisen, wollte mit seiner Musik die Zuhörer „anpieksen“. 1965 war die Geburtsstunde der „Scorpions“. Ihre musikalische Wiege: Sarstedt, ein verträumter kleiner Ort an der Innerste, nahe Hannover.

 

 

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Für Michael sollte später ein Kindheitstraum wahr werden: Von 1969 und dem gleichzeitigen Aufstieg der „Scorpions“ in die Profiliga bis zu seinem Wechsel zu „Ufo“ im Jahr 1973 spielte er bei den „Scorpions“ meisterlich die Lead-Gitarre. Mein Bruder war bereits lange zuvor aus beruflichen Gründen aus der Band ausgestiegen. Später bereute er diesen Schritt.

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1970 infizierte mich der Virus „Musik“ erneut: In die Kinos kam die filmische Dokumentation des legendären „Woodstock“-Festivals (15. bis 18. August 1969). „Love and Peace“ war angesagt. Crosby, Stills, Nash & Young gehörten von da an zu meinen absoluten Favoriten. All' mein Taschengeld habe ich ins Kino getragen, den Film dutzende Male gesehen. Die Musik von Bob Dylan, Donovan, den Beatles, den Stones und natürlich CSN&Y fand sich in meinem Repertoire wieder. Bis heute.

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Ein weiteres „Highlight“ in meiner „Sturm- und Drangzeit“ und damit das allmähliche Loslösen von meinem Elternhaus war das Motorrad-Road-Movie „Easy Rider“. Noch ein Virus, der sich bei mir festsetzte: Harley-Davidson. Inzwischen nenne ich zwei dieser „amerikanischen Eisenhaufen“ mein eigen. Dennis Hopper, Regisseur und Hauptdarsteller des Films "Easy Rider" durfte ich persönlich kennenlernen. Meine DVD des Films hat er handsigniert.

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Für mich hatte der „konservative“ Weg mit Gymnasium, Abitur und späterer Berufsausbildung den absoluten Vorrang vor der Musik, die ich dennoch nie aufgegeben hatte. Allerdings reduzierten sich meine „Auftritte“ auf private Feten oder kuschelige Abende an Kiesteichen beim Schein eines romantischen Lagerfeuers. Schön anzusehen das Funkeln in den Augen der weiblichen Zuhörer. Trugen wir doch damals schließlich nur Klamotten aus Noten ( lol ).

Der letzte öffentliche Auftritt mit meinen Jungs fand zum Abschluss unserer beruflichen Basisausbildung im Sommer 1974 statt.

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Krankheitsbedingt (Stimme) hing ich meine Gitarren an den berühmten Nagel. Fortan fand man mich eher "vor" den Konzertbühnen: "Genesis" 1978 war die erste Band, die ich als Fotojournalist ("http://www.hannover-live.com/") ablichten durfte. In den folgenden 30 Jahren erlebte ich Tausende von Konzerten – Pink Floyd, Rolling Stones, Genesis, Michael Jackson, Tina Turner, Joe Cocker, Deep Purple, Rainbow, Phil Collins, Neil Young, Led Zeppelin, AC/ DC, Ten Years After, Dio, Manowar, Wishbone Ash, Elton John, Queen, Bruce Springsteen, Eric Clapton, ZZ Top, Yes, Eagles, Status Quo, Rammstein, Jethro Tull, Bee Gees, Rory Gallagher, Chris Rea, Joan Baez, Peter Maffay, Westernhagen, Grönemeyer, natürlich immer wieder die Scorpions (gern auch Backstage), Michael Schenker Group u.v.a.m – bis hin zu „Modern Talking“ (urrgh).

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Ich habe also ganz bewusst die „Flower Power“-Ära miterleben dürfen. Irgendwie eine geile Zeit. Auch politisch („Killing for peace is like f...king for virginity“). Ganz Unrecht hatte die revolutionäre „Kommune 1“ nicht. So dachten wir zumindest seinerzeit. Inzwischen ist der 11-jährige Junge von damals um die Schläfen herum grau geworden. Das Leben hinterläßt nun mal bei jedem seine Spuren. Aber im Herzen ist er jung geblieben.

Rock'n Roll Will Never Die.

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Die Liebe zur Gitarrenmusik wurde wieder geweckt, als die Enkelkinder kamen. Wäre doch schön, mit den Zwergen Kinderlieder zu singen und zu spielen, um sie so an die Musik heranzuführen, dachte ich. Unsere jetzt fast fünfjährige Luna-Maria hat schon mit zweieinhalb zum Mikrofon gegriffen und mit Opa zusammen den „BiBaButzemann“ gesungen. Köstlich und niedlich zugleich.

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Unsere Freundin Kiwi setzte noch einen drauf: Als meine Frau Susanne und ich vor einigen Jahren zu unserer gemeinsamen Geburtstagparty Verwandte und Freunde eingeladen hatten, schlug Kiwi vor: „Lass uns zusammen Live-Musik machen.“ Wir studierten ein Programm von über einer Stunde Länge ein. Unterstützt von Kumpel Pimo von den „Songlinern“ spielten wir als "Jü-Ki's Houseband" Songs von Donovan, den Beatles, CCR, Stones, John Denver, Eric Clapton und natürlich CSN&Y. Ich glaube, das kam bei unseren Gästen gut an. Der Virus „Musik“ machte sich wieder breit in mir.

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In „Rainer's kleinen Kneipe“ war donnerstags oft „Open Stage“. JeKaMi – jeder kann mitmachen. So lernte ich Michael und Kater kennen, die zusammen tolle Gitarrenmusik ablieferten. Pütti kam mit seinen Percussion-Instrumenten dazu. Als „Acoustic-Junkmails“ unterhielten wir bei der Ausstellung „Kunst und Kunsthandwerk 2007“ zwei Tage lang die Besucher in der Cafeteria. Eigentlich sollten wir nur 20 Minuten lang vor der offiziellen Ausstellungseröffnung spielen. Es schien den Leuten gefallen zu haben, denn man ließ uns einfach nicht von der Bühne.

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Gut, die Junkmails gibt es irgendwie nicht mehr. War halt nicht mehr als ein musikalisches Experiment. Aber mein Virus ist geblieben. Zu Kater, Pütti und mir gesellte sich statt Mucker-Micha ein herzlich willkommener „musikalischer Wirbelwind“ aus Hildesheim: Cati. Tolle Stimme, tolles Gitarrenspiel und ein schier unerschöpfliches Repertoire an Songs aus allen Genren. Mit diesen Leuten zusammen Musik zu machen war wahnsinnig klasse. Auch wenn Cati über 80 eigene Songs geschrieben hat, orientierten wir uns dennoch „am Markt“. Folkrock, Rock- und Classic-Rocksongs aus fünf Jahrzehnten, die jeder kennen dürfte, hatten wir in unsere Setlist aufgenommen. Ausschließlich auf rein akustischen Instrumenten. Unplugged heißt das auf gut Neudeutsch. Aber wir präsentierten keine plumpen Kopien weltbekannter Hits – durch Katers atemberaubende Flamenco-Einlagen verliehen wir den Stücken einen „neuen Sound“ und drückten ihnen unsere persönliche Note auf. Die Reaktionen unserer Zuhörer bewiesen: es hat wohl gefallen.

 

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Unsere Musik sollte nicht nur unterhalten, sie sollte in unserer schnelllebigen (ja, mit drei „L“) Zeit zumindest für eine kurze Weile für Entspannung sorgen, eine musikalische „Chillout-Zone“ bieten (schon wieder so ein furchtbarer Anglizismus). Aber immerhin führte das zu unserem damaligen Bandnamen „Chillout-Guitars“. Warum schreibe ich dieses in der Vergangenheitsform? Nun – auch die „Chillout-Guitars“ hängen jetzt am Nagel. Musikalisch verstanden wir uns prima, den Rest lasse ich offen...

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Gesundschrumpfen“ ist zwar ein übel klingendes Wort, rein technisch gesehen war und ist dies aber ein logischer und konsequenter Weg für mich, „on the road and live on stage“ weiter zu machen.

 

Also – vielleicht bis bald bei den „Living Tunes“.

 

Keep on rocking!

Ihr und euer

Jürgen Kirchhoff